THF 33-45 e.V. trauert um apl. Prof. Dr. Gerhard Baader

 18.06.2020

Gerhard Baader wurde 1928 in Wien in eine christlich-jüdische Ehe geboren. Da sich der Vater weigerte, die jüdische Mutter zu verlassen, traf die Familie die ganze Härte des nationalsozialistischen Regimes. Mit gerade einmal zehn Jahren erlebte Baader, was „soziale Isolation“ bedeutete. Wie er im Rahmen eines Zeitzeugengesprächs berichtete, das anlässlich des Gedenktages zur Befreiung Ausschwitz am 27. Januar 2019 von Schüler*innen der zehnten, elften und zwölften Klasse des Goethe-Gymnasiums Lichterfelde-West in seiner privaten Wohnung geführt wurde, bedeute dies „Delogierung“ und Umzug in das in der Leopoldstadt gelegene „Judenhaus“. In der Schule musste er fortan in der letzten Reihe auf der sogenannten Judenbank sitzen. 1942 wurde Gerhard Baader zur Zwangsarbeit eingezogenen und arbeitete als Hilfsarbeiter in einem Installationsunternehmen für sanitäre Anlagen und Heizungen. Kurz vor Kriegsende folgte die Deportation in ein Arbeitslager. Baader überlebte diese Zeit und kehrte nach Kriegsende in seine Heimat Wien zurück, wo er 1946 das Abitur ablegte.

1948 nahm Gerhard Baader das Studium der klassischen Philologie, Germanistik, Linguistik und Geschichtswissenschaften in Wien auf und wurde 1952 mit einer Arbeit in der klassischen Philologie („Untersuchungen zum Gebrauch der -tus- und -tio-Abstrakta im Lateinischen“) zum Dr. phil. promoviert. Im Anschluss an die Promotion kehrte Baader Österreich den Rücken und lebte und arbeitete fortan in Deutschland, zuerst in München am Mittellateinischen Wörterbuch der Bayerischen Akademie der Wissenschaften und seit 1967 am Institut für Geschichte der Medizin der Freien Universität Berlin. Hier war er zunächst wissenschaftlicher Assistent und ab 1968 akademischer Rat bzw. Oberrat. Seit 1975 lehrte er am Friedrich-Meinecke-Institut. 1979 habilitierte er sich mit einer Arbeit über „Die Bibliothek des Giovanni da Rimini. Eine Quelle zur medizinischen Bildung im Humanismus“, 1983 erfolgte die Ernennung zum außerplanmäßigen Professor.

In den 1980er Jahren fand Baader zu den wissenschaftlichen Themen, die als sein Lebensthema bestimmend werden sollten. Zusammen mit anderen kritischen Ärzten und Historikern organisierte Baader eine Gegenveranstaltung zum 83. Deutschen Ärztetag, der vom 13.-17. Mai 1980 in Berlin stattfand. Ärztekammerpräsident war zu diesem Zeitpunkt Wilhelm Heim, der bis zum Zusammenbruch des NS-Regimes den Rang eines SA- Standartenführers bekleidet hatte. Die Gegenveranstaltung fand unter dem Motto „Medizin im Nationalsozialismus. Tabuisierte Vergangenheit – ungebrochene Tradition?“ statt und generierte eine von Gerhard Baader mitherausgegebene Publikation gleichen Titels. Diese Veranstaltung markiert den Beginn der eingehenden Auseinandersetzung mit der NS-Medizin. Mit der Erforschung der Medizin in der NS-Zeit, der jüdischen Geschichte und – auf Wunsch von Studierenden – der Psychiatriegeschichte dieser Zeit hatte Gerhard Baader das Themenspektrum gefunden, das ihn bis zu seinem Tod begleiten sollte. Zu dieser Zeit entstand auch der Arbeitskreis zur Erforschung der Geschichte der NS-Euthanasie und der Zwangssterilisation, dessen Arbeit Baader entscheidend mitprägte. In diesen Zusammenhang sind auch die kritischen Äußerungen des Sozialdemokraten Baader zur Präimplantationsdiagnostik einzuordnen.

Wir haben Gerhard als engagierten und politisch aktiven Menschen kennengelernt. Er war Gründungsmitglied des Vereins. Am vergangenen Sonntag verstarb Gerhard Baader im Alter von 91 Jahren in Berlin. Mit ihm verlieren wir ein hochgeschätztes Mitglied, der seinen wissenwschaftlichen Anspruch mit politischem Engagement verband.