Katholische Priester im KL Columbia

8.November 2017 um 19 Uhr in der Alten Zollgarage

Die „Sittlichkeitsprozesse“ gegen die Katholische Kirche

Werkstattgespräch mit Prof. Gerhard Baader und Prof. Bernward Dörner

Moderation: Beate Winzer

Musikalisches Rahmenprogramm: Olaf Ruhl

KZ Columbia: Katholiken-Prozesse 1936/37

Ein sehr beliebtes Instrument, das gern gebraucht wurde, um einen Menschen zu diskreditieren, war der Vorwurf von sexueller Gewalt. Homosexuelle Männer, katholische Priester, Männer, die als Erzieher und Lehrer tätig waren, wurden ab 1936 unter den Generalverdacht der potentiellen sexuellen Gewalt gegen „Schutzbefohlene“ gestellt. Dahinter stand ein heterosexistisches Weltbild, nachdem „Nur Heteros“ „gesund und normal“ sind, andere Menschen hingegen nicht. In dieser Weltsicht waren nur Frauen fähig, Kinder zu erziehen und zu versorgen, sogar, oder das „Erzieherin, Fürsorge, Pflege oder Lehrerin“ eine Berufung „nur für Frauen“ sei. Eine „natürliche“ Eignung qua Geschlecht. In der zweiten 20. Jahrhundert begann sich die Gesellschaft zu ändern, mittlerweile teilen sich Frauen und Männer zunehmend in die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, zunehmend arbeiten Männer als Erzieher und Pfleger sowie endlich auch gleichgeschlechtliche Familien. Doch mit Vorurteilen, Biologismus und Hass haben sie vielfach noch zu kämpfen. In Deutschland, in Europa, weltweit.

Dieses biologistische Denken entstand im ausgehenden 19. Jahrhundert und ist trotz endlich erfolgter rechtlicher Gleichstellung in allen Bevölkerungsschichten noch immer weit verbreitet. Doch im NS wurde das Instrument von Verleumdung zu einer tödlichen Waffe im Kampf um das Primat bei Jugendarbeit, Erziehung und der Pflege. Unter der Anklage von sexueller Gewalt und Nötigung gegen Schutzbefohlene und homosexueller Betätigung wurden zwischen 1936 und 1937 mindestens 2700 Angehörige der Katholischen Kirche von der Geheimen Staatspolizei verhört. Zahlreiche Verhöre fanden im Konzentrationslager Columbia statt, dazu wurden die Männer für etwa 24 Stunden in das Konzentrationslager in der Reichshauptstadt eingeliefert. Unter dem Stichwort „Sittlichkeitsprozesse“ wurden mehrere Prozesse nur gegen etwa 170 Beteiligte geführt. Verurteilt wurden etwa 25 Männer wegen „homosexueller Handlungen, bzw. Gewalt gegen Jugendliche“, die anderen wurden wegen Hochverrat und Hetze gegen den NS-Staat, Verstoß gegen das Reichsflaggengesetz und Verstoß gegen Sammlungen von Geldbußen bis zu Zuchthaus bestraft. Hochverrat und Hetze stellen zwei typische Delikte der NS-Justiz dar, um Menschen zu disziplinieren und diskreditieren, die im Justiz-Ministerium Gürtner auch eigens zu diesem Zweck entwickelt wurden. Fahnenverrat (Verstoß gegen das Reichsflaggengesetz) und Sammlungsverbote sind zwei Gesetze, die auch die Kirchen betreffen, denn die Kirchen hatten an bestimmten Tagen mit der Hakenkreuzfahne beflaggt zu werden. Wer diese Beflaggung versäumte, konnte zu Zuchthausstrafen verurteilt werden. Das galt auch für die Sammlungen, also Spenden einsammeln ohne Erlaubnis der zuständigen NSDAP Stelle. Spenden sollten nur für NS-Zwecke gesammelt werden, alles andere hatte schriftlich genehmigt zu werden. Viele Katholische Pfarrer noch Jugendliche hielten sich nicht daran, sie sammelten häufig für Messgegenstände, Kirchenfahnen oder Sportgeräte Geld. Da auch sportliche Betätigung den Pfarrern untersagt war, wenn sie im Rahmen der kirchlichen Arbeit erfolgte, mussten die Pfarrer auch hier mit Strafen rechnen. So wurden Pfarrer mit Geldstrafen oder tageweise Gefängnis bestraft, wenn sie sich mit ihren Gemeindemitgliedern zum Billard oder zum Kegeln trafen. Dieses Verhalten sei, so die NS-Justiz, eines Geistlichen unwürdig. Auch Wandern war untersagt.

Darüber hinaus wurde den Männern „Unzucht“, also Vergewaltigung und Nötigung von Kindern und Jugendlichen vorgeworfen. Der konservativen Katholischen Kirche im Deutschen Reich, war kein politischer oder „rassischer“ Fehltritt vorzuwerfen.  Dafür aber galt die katholische Kirche als Konkurrent und teilweise auch Gegner in der Jugenderziehung, den katholischen Jungmännerverbänden, den Konfessionsschulen und der Caritas, bzw. den Ordenshäusern. Bischöfe und Kardinäle positionierten sich 1934 gegen die Euthanasie. Mit dem Vorwurf der sexuellen Gewalt konnte die Kirche als ungeeignet erklärt werden, sich um Kinder und Jugendliche oder Patienten zu kümmern. Die Folge war die Zerschlagung der katholischen bündischen Jugend, der Enteignung von Schulen und von Krankenhäusern. Mit Beginn des Krieges kam die Beschlagnahme der Klöster hinzu.

 

 

Konzepte für Tempelhof

Seit 2010 forscht der Förderverein in Täterperspektiven zum Flughafen Tempelhof. Besonders die Vorsitzende Beate Winzer hat sich sehr für die Einrichtung eines Gedenkortes im Flughafen Tempelhof und dem Flugfeld engagiert. So wurde der Runde Tisch initiiert, die Grabungen und die vorläufige historische Markierung auf den Weg gebracht.

Der Verein  orientiert sich ein Stück weit am Konzept des Flughafens als Chiffre, als Erinnerungsort (lieux de mémoire), das als Forschungsparadigma in den 80er Jahren vom französischen Historiker Pierre Nora entwickelt wurde. „Topos“ bezeichnet aber nicht unbedingt einen Ort, sondern eine Chiffre, die im Sinne Noras für eine Nation sinn- und identitätsstiftend wirken soll. Letztlich liegt es aber an dem Interesse der Forschenden, welche Chiffre und Perspektive sie verhandeln. Der THF 33-45 Verein interessiert sich seit 2010 als Verein aus Täterperspektiven für den Flughafen Tempelhof. Die symbolische Dimension ist die Luftwaffe, ihre Rüstungsbetriebe und Forschungsinstitutionen. Uns interessiert, was und unter welchen Bedingungen diese Betriebe produziert haben und wie die Forschungsinstitute der Luftwaffe im „neuen Hafen“ zu den neu entwickelten Hochtechnologien beigetragen haben. Uns interessiert die Rolle der Luft Hansa AG im NS, die Rolle der Berliner Flughafengesellschaft und die Funktion der weiteren Häfen im Besitz der Flughafengesellschaft. Weiter interessieren uns die Bedingungen, unter denen  Forschungsergebnisse zustande kamen und wie sie anwendungsrelevant wurden. Wir fragen nach den biotechnologischen Weichenstellungen durch den NS, der nach 1945 als Wissenstransfer zur Grundlage der Moderne wurde. Zugleich interessieren wir uns für die Schwierigkeiten von Politik und Gesellschaft, sich der kritischen Kommentierung der Moderne zu stellen.